Die ersten zwei Wochen sind vorbei und ich komme mir vor als würde ich schon zwei Monate hier leben.
Diese zwei Wochen waren, wie es Carmen Geiss sagen würde, der „burner“.

Ich glaube ich kann es so ausdrücken: ich hab die Ehre ein ganz wunderbares Volk mit einer wahnsinnig interessanten Kultur hautnah und ganz intim kennen zu lernen. Da ich mit meinem besten Freund Raif bei seiner Tante wohne, ist das hier wirklich hautnaher „Kulturschock“. Aber ein guter Schock!
Ich weiß gar nicht so recht wo ich überhaupt anfangen soll, so viel gibt es schon zu erzählen. Als erstes aber: diesen Monat ist Ramadan. Für alle die nicht wissen was es genau damit auf sich hat: während des Ramadans wird einen Monat gefastet. Heißt: von Sonnenaufgang bis -untergang darf weder gegessen, getrunken noch Kaugummi gekaut oder geraucht werden. Hört sich jetzt so ziemlich krass an. Sinn dahinter ist, sich von seinen Sünden rein zu waschen und sich in die ärmere Bevölkerung hinein zu versetzten, die den ganzen Tag nichts zu essen hat. Dadurch soll zum einen mehr geschätzt werden, was man alles hat, zum anderen der Anreiz gegeben werden den Armen zu helfen. In Saudi Arabien geht es sogar so weit, dass dort dann auch nur „Armenessen“ gegessen wird, sprich Datteln, trockener Reis und ein Glas Wasser.
Das Gebot des Fastens gilt für jeden geistig zurechnungsfähigen muslimischen Mann oder Frau, der die Pubertät erreicht hat. Nur wer das Fasten so wie es im Islam vorgeschrieben ist ohne gesundheitlichen Schaden zu erleiden durchführen kann, ist zu diesem Gebot verpflichtet. Deshalb sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter, Frauen in der Menstruation etc von dieser Pflicht ausgenommen. Aber natürlich hält sich nicht jeder daran.
Abends wird dann nach Sonnenuntergang mit der ganzen Familie gegessen. Es wird am gedeckten Tisch gesessen und gewartet, dass der Imam das Gebet beginnt, welches über Lautsprecher an jeder Moschee übertragen wird und dass ein Kanonenschuss ertönt.

Wie am Abend das Gebet des Imam und der Kanonenschuss, ist am morgen der Trommler Teil der Tradition. Ein bis zwei Stunden bevor die Sonne auf geht, was bedeutet dass nicht mehr gegessen werden darf, läuft ein Trommler durch die Straßen um alle zur Nahrungsaufnahme für den kommenden Tag zu wecken. In der ersten Nacht war das natürlich ein diesen Schreck, da mich auch keiner eingeweiht hat. Außerdem hört sich das Trommeln im Halbschlaf und auf große Distanz doch sehr wie Gewährschüsse an.

Ich muss natürlich nicht fasten. Abgesehen davon werde ich hier regelrecht gemästet, da ich laut Familie viel zu dünn sei. Aus Respekt vor der Kultur und der Familie fange ich trotzdem erst nach dem Gebet gemeinsam mit der Familie an zu essen. Bisher sehe ich nichts Verwerfliches an dieser Tradition. In vielen Familien ist es den einzelnen Mitgliedern außerdem freigestellt ob sie fasten oder nicht. Dazu muss man sagen, dass ich weit im Westen der Türkei bin, nahe der Grenze zu Griechenland. Hier ticken die Uhren sowieso weitaus „moderner“ und, sagen wir mal, europäischer als im Osten und asiatischen Teil des Landes.

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Moschee in Edirne bei Nacht

Jede Kultur und Religion hat somit ihre Eigenarten und „Vorschriften“. Hier wird Religion eben noch richtig gelebt und Tradition von Generation zu Generation weitergegeben, was bei uns leider größtenteils verloren gegangen ist.
Ich finde Traditionen, ob sie nun kulturellen Ursprung oder religiösen haben, wichtig und frage mich seit dem ich hier bin, wie wir in unserer westlichen Welt so etwas wunderbares und prägendes so vernachlässigen konnten. Hektische und modernere Welt hin oder her. Sind es nicht die Traditionen und die Kultur, die uns als Menschen prägen und ausmachen?

Es ist so toll zu erfahren, was wirklich hinter all dem steckt und sich nicht auf das zu berufen was in der Gerüchteküche umgeht. Ich habe die Türken bisher als ein freundliches, herzliches, hilfsbereites und offenes Volk kennengelernt. Nicht dass ich vorher auch wie viele der Meinung war, sie wären alle Terroristen und Asis!! Ganz im Gegenteil. Es ist jedoch schön, von allen noch so kleinen Vorurteilen losgelöst zu werden und ganz wunderbare Menschen kennen zu lernen. Es gibt noch so viel zu erzählen, gerade was Kleidung angeht. Also seid gespannt auf die kommenden Wochen.

Sonnige Grüße and have a Crystal Ramadan ;)
Tally Louche